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Verschwundene Nachbarn aus der Hradeschiner Straße

Projekt im Kindergartenjahr 2012/2013

Aus der Villa, in der jetzt unser Kindergarten ist, sind vor fast 70 Jahren Menschen verschwunden.
Wer waren diese Leute? Warum sind sie weggegangen? Warum werden vor dem Kindergarten Stolpersteine verlegt?

Auch in diesem Kindergartenjahr machen wir uns mit den Kindergartenkindern auf die Reise in die Geschichte unserer Villa. Wir werden erfahren, wer unsere Nachbarn waren, werden uns aber vor allem über Toleranz und Respekt anderen Menschen gegenüber erzählen und manches über jüdische Kultur erfahren.

Wir fangen also im Jahre 1938 an, als  in die Villa von Božena Durasová neue Mieter aus Boskowitz in Mähren, die jungen Eheleute Ultmann, einzogen.  

PreviewLeo Ultmann

geboren in Brünn 1904
deportiert nach Theresienstadt 1942
ermordet in Auschwitz 1943

 

 

 

 

PreviewMarta Ultmannová

geboren in Brünn 1906
deportiert nach Theresienstadt 1942
ermordet in Auschwitz 1943

 

 

 

Das Ehepaar war jüdischen Glaubens. Im Gebiet der heutigen  Tschechischen Republik wurde nach der Errichtung des Protektorates Böhmen und Mähren im März 1939 antijüdische Politik betrieben. Es wurden viele Diskriminierungsmaßnahmen getroffen – die Juden wurden aus der Arbeit entlassen, sie durften keine Schulen mehr besuchen, sie durften nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Dies war aber nur eine Vorstufe dazu, was später passieren sollte – Zwangstransporte in Ghettos und Konzentrationslager, und die Ermordung der großen Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung

Die Eheleute Ultmann beantragten bei der Polizeidirektion Prag im Oktober 1938 ein Visum nach Australien, der Antrag wurde jedoch abgewiesen ...

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Marta und Leo Ultmann wohnten bis 1942 in der Hradeschiner Strasse in Prag. Das Leben im Protektorat war für sie bestimmt nicht einfach. Den Juden wurde verboten, manche Straßen, Plätze, Parks und Wälder zu betreten. Juden durften ihren Wohnort nicht ohne eine Sondererlaubnis verlassen. Sie durften keine Kinos, Theater, Gasthäuser oder Cafés, Schwimmbäder oder Bibliotheken besuchen. Sie durften nur zwei Stunden pro Tag in Geschäften einkaufen.

Juden durften keine Rundfunkempfänger besitzen, sie durften nur wenige Lebensmittel kaufen, und sie durften keine Haustiere haben. So könnte man noch viele andere Verbote nennen, die die Juden entwürdigten und von den anderen Leuten durch eine unsichtbare Wand trennen sollten.

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Am 30. Januar 1942 wurden Marta und Leo Ultmann mit dem Transport V, Nr. 264 aus Prag nach Theresienstadt weggebracht. Nach einem Jahr im Theresienstädter  Ghetto sind die Eheleute in den Transport Cq, Nr. 56 gekommen, der Theresienstadt am 20. Januar 1943 verlassen hat. Das Ziel dieses Transportes war das Vernichtungslager Auschwitz.  Gemeinsam mit dem Ehepaar Ultmann sind in diesem Transport weitere 1997 Personen deportiert worden, ein einziger Mensch davon hat den Krieg überlebt!

Auch Marta und Leo Ultmann sind im Jahre 1943
in Auschwitz ermordet worden.

Im Juni 2013 lassen wir vor unserem Kindergarten Stolpersteine für Marta und Leo Ultmann verlegen. Die Stolpersteine sollen an die Holocaustopfer erinnern und werden vor die Häuser verlegt, aus denen die Opfer von Nazis in die Konzentrationslager deportiert worden sind. Der Autor der Stolpersteine ist der deutsche Künstler Günter Demnig, der im Jahre 1995 die ersten Stolpersteine in Köln am Rhein verlegt hat. Es folgten Berlin und weitere deutsche Städte. Insgesamt wurden schon über 23 Tausend Steine in hunderten europäischen Städten verlegt, auch in Prag.   

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Unser Kindergarten wird sich in diesem Jahr mit großem Interesse diesem Projekt anschließen und das Andenken unserer „verschwundenen Nachbarn“ ehren.

Ziele des Projektes
Der Ausgangspunkt des Projektes ist die Geschichte unserer Villa. Wir werden an unser Projekt vom letzten Jahr „Wie aus einer Künstlervilla ein Kindergarten wurde“ anschließen, in dem wir näher den Bildhauer Jan Štursa und seine Frau, die Opernsängerin Božena Durasová, kennengelernt und uns mit Kunst und Musik beschäftigt haben. Nun werden wir weitere Bewohner unserer Villa kennenlernen – Marta und Leo Ultmann. Sie waren Juden und gerade der Glaube bestimmte ihr Schicksal in den letzten Jahres ihres Lebens.

Im Rahmen des Projektes „Verschwundene Nachbarn aus der Hradeschiner Straße“ haben wir uns unter anderem auch mit der jüdischen Religion befasst. Wir haben das jüdische Museum in Prag besucht und die jüdischen Sehenswürdigkeiten in Prag kennengelernt, einiges über jüdische Feste und Traditionen erfahren, wir haben gemeinsam mit den Kindern aus dem Kindergarten Bejachad typische jüdische Gerichte zubereitet. Wir haben uns jüdische Sagen und Märchen angehört und jüdische Musik gehört.

In diesem Projekt haben die Erzieherinnen den Kindern durch eine ihrem Alter angemessenen Form das Schicksal der Mitbürger jüdischen Glaubens näher gebracht. Wir möchten aber auf keinen Fall die Kinder mit grausamen Geschichten erschrecken. Unser Ziel war es, mit dem Begriff Toleranz zu arbeiten und den Kindern erklären, dass Vielfältigkeit ein Weg zur gegenseitigen Bereicherung ist, auf keinen Fall ein Grund zum Unrecht tun oder Ausgliederung derjenigen, die anders sind. Wir möchten positive Beziehungen in den Gruppen in unserem Kindergarten unterstützen.
Im Projekt „Verschwundene Nachbarn aus der Hradeschiner Straße“  warteten auf uns eine ganze Menge von interessanten Veranstaltungen, Begegnungen und Erkenntnissen. 

Veranstaltungen
In Zusammenarbeit mit dem Prager Literaturhaus und der Grundschule Kladská bereiteten wir für die Kinder viele interessante Veranstaltungen vor:
-    in Zusammenarbeit mit dem Prager Literaturhaus fand eine weitere Literaturnacht mit der Schriftstellerin Radka Denemarková statt 
-    die Schüler aus der Grundschule Kladská haben uns besucht und haben den
Golem mitgebracht :) die wunderschöne Theateraufführung haben wir zusammen mit den Kinder und Erzieherinnen aus dem Kindergarten Bejachad gesehen.

 

-    im Kindergarten haben wir uns über den Flucht der Juden nach Israel erzählt und haben dieses schönes Bild mit dem Schiff Exodus gemalt

 


-    wir haben das Prager Jüdische Museum besucht und an einem Workshop über Golem teilgenommen. Wir haben uns auch die Synagogen angeschaut und den jüdischen Friedhof in Prag 10 besichtigt. 

-    In der internationalen Buchhandlung Amadito wurde für uns eine interessante  Lesung aus dem Buch „Zimmer frei“ von Leah Goldberg über Toleranz und das Zusammenleben verschiedener Kulturen vorbereitet Wir durften hier auch das traditionelle jüdische Gebäck – Mazessen backen.
 
-    die deutsche evangelische Pastorin Frau Pfeifer erzählte uns über das jüdische Fest Passah und wir bastelten die Thora.  
-    die netten Damen aus der Buchhandlung Amadito bereiteten für uns noch einen interessanten Workshop zum Thema „Berühmte Juden in Prag“ vor, wir schauten uns sogar die Büste von Albert Einstein am Nachbarhaus an.
-    wir besuchten die Kinder aus dem jüdischen Kindergarten Bejachad in  Hagibor. Gemeinsam und auch noch mit den Senioren aus dem Altersheim Hagibor haben wir jüdische Spezialität Barchesen gebacken.



Den Abschluss des Projektes bildete am 21. Juni 2013 die feierliche Verlegung der Stolpersteine direkt vor der Tür der KIDS Company in Anwesenheit von den Kindergartenkindern, deren Eltern, den Vertretern der jüdischen Gemeinde in Prag, der deutschen Botschaft sowie verschiedener anderer Institutionen. Das Gebet für das Ehepaar Ultmann sprach der Kantor der jüdischen liberalen Union Herr Viktor Schwarcz.
Von nun an werden sich die Kinder der KIDS Company Prag um die Stolpersteine vor ihrer Tür kümmern und auf diese Weise das Andenken der „verschwundenen Nachbarn“ ehren.    
Bei der Feier haben die Schüler der Grundschule Kladská ihre sehr gut gelungenen Portraits der Eheleute Ultmann ausgestellt.
 
 

Das Projekt „Verschwundene Nachbarn aus der Hradeschiner Straße
haben vorbereitet:


 

 

 

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